Energiebedarf des Pferdes
Jeder Pferdebesitzer/Reiter hat sich wohl schon einmal Gedanken über die Energieversorgung seines Pferdes gemacht. Entweder neigt das Pferd dazu, unter einem „heiß“ zu werden, oder aber die lange Seite will kein Ende nehmen und die treibenden Hilfen sind stark gefordert. Spätestens nach solchen Momenten sollte man sich überlegen, ob die Fütterung optimiert werden kann.
Nach kurzer Recherche wird klar, dass sich auch schon viele Wissenschaftler eingehend mit dieser Thematik und ähnlichen Fragen auseinandergesetzt haben und sich daraus eine ganze Gesellschaft, die GfE (Gesellschaft für Ernährungsphysiologie) gebildet hat. Die GfE veröffentlicht unter anderem Empfehlungen zur Bedarfsdeckung von Energie- und Proteinbedarf des Pferdes nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen. 2014 wurden die Empfehlungen von 1994 durch neue Erkenntnisse ersetzt, sodass seitdem der Energiebedarf eines Pferdes nicht mehr in DE MJ/kg (digestible (verdauliche) energy), sondern in ME MJ/kg (metabolizable (metabolische) energy) angegeben wird. Doch was bedeutet diese Änderung nun konkret für mich als Pferdebesitzer?
Um zu verstehen, warum Futtermittel in unterschiedlichen Energiestufen angegeben werden können, muss man sich vor Augen führen, wofür die Nahrungsenergie (= Bruttoenergie) – sprich die Energie, die durch Futtermittel in das Pferd gelangt – benötigt wird und wie effizient die Verdauung abläuft. Grundsätzlich benötigt das Pferd Energie, um alle Vitalfunktionen (z.B. Atmung, Herzschlag etc.) aufrechtzuhalten und für körperliche Leistung zu sorgen. Sie wird normalerweise in Kalorie oder Joule angegeben.
Bruttoenergie (GE = gross energy)
Ist der Gesamtgehalt an Energie, der durch die Verbrennung des Futtermittels im Bombenkaloriemeter bestimmt werden kann oder mittels mittlerer Brennwerte der enthaltenen Nährstoffe kalkuliert werden kann – also einfach die gesamt mögliche Energie, die aus den enthaltenen Nährstoffen des Futtermittels erzeugt werden kann. Die Bruttoenergie GE ist jedoch kein Maßstab für die Bewertung von Futtermitteln, da die Art und Höhe der Verdaulichkeit und somit die Höhe der unverdaulichen Energieverluste sehr unterschiedlich zwischen den Futtermitteln sind.
Verdauliche Energie (DE = digestible energy)
Wenn man den unverdaulichen Anteil von der Bruttoenergie GE abzieht, erhält man die verdauliche Energie DE, welche vor einigen Jahren noch als Maßstab für die Energiebewertung von Futtermitteln galt. Die Bestimmung der verdaulichen Energie erfolgt mit Hilfe eines Verdauungsversuches, in dem die Differenz des vom Tier übers Futter aufgenommene Bruttoenergie und die über den Kot ausgeschiedene Bruttoenergie (ungenutzt vom Tier) gemessen wird. Da die Verdauungsprozesse einzelner Tierarten unterschiedlich sind, z.B. die ausgeprägte mikrobielle Fermentation bei Pferden, können die DE-Werte einzelner Futtermittel für unterschiedliche Tierarten voneinander abweichen!
Umsetzbare/Metabolische Energie (ME = metabolizable energy)
Da die Bestimmung der Energieverluste durch den Stuhl fehlerbehaftet ist und noch weitere Verluste im Verdauungsprozess entstehen, wird aktuell die metabolische Energie ME zur Bedarfsermittlung genutzt. Die metabolische Energie ME eines Futtermittels erhält man nach zusätzlichem Abzug der Energieverluste über die Ausscheidung von Urin, Gärgasen und abgestorbene Zellen. Auch für die umsetzbare Energie ME wurden Schätzformeln ermittelt, wobei der Verdauungsprozess der jeweiligen Tierart berücksichtigt wird (z.B. Kuh hohe Methanverluste).
Nettoenergie (NE)
Bei jeder Energieumwandlung im Körper fällt immer Wärme an. Wenn man diesen Wärmeverlust zusätzlich abzieht, erhält man die Energie, die im Endeffekt für zusätzliche Leistung, wie Wachstum, Milchbildung und/ oder körperliche Aktivität verfügbar ist. Da der Wärmeverlust außerordentlich variabel ist, kann die Nettoenergie jedoch nicht zum allgemeinen Vergleich herangezogen werden.
Soweit so gut, nun ist also geklärt, auf welchen Bewertungsstufen der Energiegehalt der Futtermittel angegeben werden kann, doch dadurch ist immer noch nicht klar, wie viel Energie mein Pferd benötigt.
Grundsätzlich kann man den Energiebedarf des Pferdes in den Erhaltungsbedarf und den Leistungsbedarf unterteilen.
Der Erhaltungsbedarf im eigentlichen Sinne deckt den Grundumsatz (Herzfunktion, Atmung, Verdauung, etc.). Für die Berechnung des Erhaltungsbedarfes für Pferde wurden zusätzlich die Haltungsbedingungen (Bewegung, Thermoregulation), die Rasse sowie der Ernährungs- und Trainingszustand berücksichtigt, da diese Faktoren Auswirkungen auf den Erhaltungsbedarf haben.
Tabelle1: Erhaltungsbedarf (ME) von Reitpferden in Boxenhaltung pro kg KM^0,75 nach KIENZLE et al. (2010)
|
Futterverwertung |
Rassen |
Mittlerer Trainingszustand, BCS 5 |
|
Schwerfuttrig |
Vollblut |
0,65 |
|
Durchschnittlich |
Warmblut |
0,52 |
|
Leichtfuttrig |
Haflinger, Kaltblut |
0,4 |
Berechnung
Erhaltungsbedarf (ME) = 0,52 * KM^0,75
So sieht die Berechnung für ein Warmblut mit durchschnittlicher Futterverwertung, einem mittleren Body Condition Score (Skala zur Beurteilung der Körperkondition) von 5 und einem mittleren Trainingszustand aus.
Beispiel: mein 6-jähriger Wallach erfüllt die oben genannten Kriterien (BCS 5, mittlerer Trainingszustand, durchschnittliche Futterverwertung) und wiegt 600kg.
è 0,52 * 600 kg^0,75 = 63,04 MJ ME pro Tag
Die Berechnung erfolgt mit der metabolischen Körpermasse (KM^0,75) des Pferdes, da kleine Körper im Verhältnis mehr Oberfläche als große Körper haben (1kg Brot hat weniger Kruste als 1kg Brötchen). Dadurch haben kleinere Körper höhere Wärmeverluste und benötigen mehr Energie. Diese Tatsache wird durch die Verwendung der metabolischen Körpermasse (KM) berücksichtigt.
Der Leistungsbedarf ist die zusätzliche Energie, die benötigt wird, um die bei Bewegung leistende Muskelarbeit aufzubringen. Die exakte Bestimmung ist nur unter experimentellen Bedingungen möglich, sodass aus wissenschaftlichen Versuchen Mittelwerte für den Energiebedarf der Muskelarbeit in Abhängigkeit des Gewichts des Pferdes, der Geschwindigkeit und der Strecke berechnet werden. Der geschätzte Energiebedarf des Pferdes kann somit unter Beachtung der geleisteten Arbeit und dem Gewicht des Pferdes aus Tabellenwerten entnommen werden.
Tabelle 2: Empfehlungen für die Versorgung von ausgewachsenen Pferden mit umsetzbarer Energie (ME MJ/Tag) (modifiziert nach Meyer und Coenen, 2014)
|
Gewicht (kg) Pferd |
Energiebedarf |
Arbeitsbedarf |
||||
|
geringfügig |
leicht |
mittel |
mittelschwer |
schwer |
||
|
300 |
ME Leistung |
7 |
14 |
20 |
29 |
37 |
|
ME Leistung + Erhaltung |
36 |
43 |
49 |
58 |
66 |
|
|
600 |
ME Leistung |
14 |
27 |
44 |
58 |
89 |
|
ME Leistung + Erhaltung |
77 |
90 |
107 |
121 |
152 |
|
Somit hat ein 600kg schweres Pferd mit einem mittleren Arbeitspensum einen empfohlenen Energiebedarf an umsetzbarer Energie ME von 44 MJ ME/Tag für die Leistung. Der Gesamtenergiebedarf für Leistung und Erhaltung liegt bei 107 MJ ME/Tag.
Nun muss also als nächster Schritt die Überprüfung der eigenen Ration erfolgen. Sprich – was und vor allem, wie viel bekommt mein Pferd an Futter pro Tag? Zur Veranschaulichung verwenden wir ein Beispiel einer Tagesration eines Pferdes, welches in mittlerer Arbeit steht. Das Pferd bekommt täglich 13kg Heu, 3kg Kraftfutter (Ludgers BASIC | ENERGY), 0,5kg Mash (Ludgers MASH | REGENERATION) sowie 100ml Öl (Ludgers OMEGA |ÖL). Die Angaben zur umsetzbaren Energie stehen für Kraftfutter auf dem Sackanhänger und für Raufutter kann man auf Futterwerttabellen zurückgreifen oder das eigene Raufutter entsprechend analysieren lassen. Daraus ergibt sich eine Gesamtenergie von 117,5 MJ ME pro Tag (siehe unten).
Energieversorgung Stall Beerbaum - Gesamtenergie (ME) 117,5 MJ pro Pferd und Tag
n Energie aus Heu:
5,8 MJ/kg x 13 kg/Tag = 75,4 MJ/Tag
n Energie aus Kraftfutter:
10,8 MJ/kg x 3 kg/Tag = 32,4 MJ/Tag
n Energie aus Mash:
11,8 MJ/kg x 0,5 kg/Tag = 5,9 MJ/Tag
n Energie aus Öl:
0,038 MJ/ml x 100 ml/Tag = 3,8 MJ/Tag
Diese Ration führt also zu einer leichten „Überversorgung“ (10 MJ/Tag) des Pferdes, wenn man die gesamte umsetzbare Energie mit der Empfehlung von 107 MJ ME/Tag vergleicht. Aus diesem Beispiel wird ersichtlich, dass selbst ein Pferd in mittlerer Arbeit den Großteil seines Energiebedarfs über das Heu decken kann und sollte (bei ausreichender Heufütterung!!).
Bei der abschließenden Bewertung der gefütterten Ration bleibt zu beachten, dass es sich bei den Versorgungsempfehlungen um Schätzwerte handelt und jedes Pferd einen individuellen Bedarf hat (stark Charakter abhängig). Zudem ist auch der Energiegehalt des Heus nur ein Schätzwert, welcher je nach Jahr, Schnittzeitpunkt, Zusammensetzung, etc. variieren kann. Trotzdem lohnt es sich diese Werte als Orientierung bei der Prüfung der eigenen Ration zu nutzen. Dabei sollte man jedoch den Arbeitsbedarf des eigenen Pferdes nicht überschätzen! Ein Pferd in Boxenhaltung, welches täglich locker bewegt wird, liegt im leichten Arbeitsbereich.
Ebenso sollte bei der Rationsgestaltung auch die Artgerechtheit der Ration beachtet werden – sprich Strukturbedarf und Fresszeiten –sowie der Bedarf der übrigen Nährstoffe.
Quellen:
KIENZLE, E., COENEN, M., ZEYNER, A. (2010) Der Erhaltungsbedarf von Pferden an umsetzbarer Energie Übers. Tierernährung 38: 33-54
MEYER, H.; COENEN, M. (2014) Pferdefütterung 5., vollständig überarbeitete Auflage, Enke Verlag, Stuttgart