Bei großer Anstrengung

Die Verdauung des Pferdes

Die physiologische Verdauung des Pferdes verläuft in zwei Phasen und soll an dieser Stelle vereinfacht dargestellt werden.
In der ersten Phase gelangt das Futter nach dem Kauen über die Speiseröhre in den Magen und anschließend in den Dünndarm. Hier sorgen Enzyme gemeinsam mit Verdauungssekreten aus dem Darm, der Bauchspeicheldrüse und der Leber für die Verdauung und Aufschlüsselung von Kohlenhydraten, Eiweißen und Fetten. Weiterhin findet hier die Aufnahme von Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen statt. Kraftfutter- und Ergänzungsfutterbestandteile werden also hauptsächlich im Dünndarm aufgenommen.
In der zweiten Phase gelangt das Futter in den Dickdarm, der im Gegensatz zur enzymatischen Verdauung des Dünndarms, eine mikrobielle Verdauung aufweist. Der Dickdarm verarbeitet alles, was bis hierhin noch nicht verwertet werden konnte, vor allem Rohfaser. Durch seine aus nützlichen Bakterien und Protozoen bestehende Darmflora funktioniert der Dickdarm ähnlich einer Biogasanlage – zur Energiegewinnung. Der Nahrungsbrei verbleibt hier rund 40 Stunden, so dass durch langsame bakterielle Umarbeitung hochverdauliche Fettsäuren aus der Rohfaser herausgefiltert und dem Körper auf diese Weise Energie zur Verfügung gestellt werden kann.
Die Hauptfeinde des Dickdarms sind ein Mangel an kaufähiger Rohfaser sowie ein „Zuviel“ leicht verdaulicher Kohlenhydrate. Denn große Mengen konzentrierter Kraftfutter kannte das Wildpferd nie, und der Verdauungstrakt unserer Kulturpferde hat sich daran bis heute nicht gewöhnt.
Wer also zu wenig Rohfaser füttert, lässt die Mikroorganismen im Dickdarm verhungern.
Und wer seinem Pferd zu große Portionen Kraftfutter auf einmal gibt, vergiftet Bakterien und Co. mit Stärke und Zucker, die bis zum Dickdarm durchkommen und hier Milchsäure produzieren. Mit fatalen Folgen für den ganzen Pferdeorganismus. Zur Gesunderhaltung des Pferdes ist eine intakte Darmflora existenziell wichtig!
Bei allen Lebewesen ist unumstritten nachgewiesen, dass 60 – 80% der Immunleistung von der Darmflora abgedeckt werden. Entsprechend ist eine gute und durchdachte Ernährung unserer Pferde die beste Gesundheitsvorsorge! Ist die Darmflora, zum Beispiel nach einer Antibiotikabehandlung oder nicht pferdegerechter Fütterung, gestört, kann sich dieses auf unterschiedlichsteWeise zeigen. Von Koliken über Ekzeme bis hin zur Hufrehe kann der Darm auf sein Ungleichgewicht aufmerksam machen und benötigt in solch einem Fall eine Darmsanierung bzw. eine Futterumstellung.

DIE SACHE MIT DEM MAGEN

Das Pferd, als Dauerfresser, produziert ständig Magensäure – jedoch nur Speichel, wenn es frisst!
Was bedeutet dies für die tägliche Fütterung?
Gutes Heu (staubarm, schimmelfrei) sollte dem Pferd dauerhaft zur Verfügung stehen!
Der Magen ist darauf ausgelegt, permanent geringe Mengen Nahrung zu verdauen. Kann er das nicht, weil er leer ist, greift die unverdünnte Magensäure die Magenwände an. Langes Kauen und eine entsprechende Speichelproduktion führen zu einer Neutralisierung der Magensäure und beugen so Magengeschwüren vor. Diese Tatsache sollte auch vor dem Training beachtet werden. Zwar ist es richtig, dass eine Kraftfuttergabe direkt vor dem Training eher negative Auswirkungen hat, der ständige Raufutterzugang jedoch senkt den pH-Wert im Magen und verhindert ein „Schwappen“ der Magensäure während der Bewegung.
Mit Hilfe seines bis zu 40 m langen Darmes ist das Pferd in der Lage, alle lebenswichtigen Nährstoffe aus unterschiedlichen pflanzlichen Strukturen, wie Samen, Früchten oder Gräsern, zu gewinnen, allerdings blieb hier im Laufe der Evolution die Effizienz auf der Strecke. Entsprechend muss das Pferd eine große Menge an Rohfaser fressen, um mengenmäßig genügend Nährstoffe für seinen Selbsterhalt dabei herauszuarbeiten.
Deshalb ist es wichtig, ein hochwertiges Kraftfutter nur in geringer Menge auf mehrere Mahlzeiten pro Tag verteilt zu verfüttern und Heu ad libitum zur Verfügung zu stellen.